Die "Umsiedlung"

 

 

Eigentlich würde dieses Kapitel ihres Lebens eine extra Homepage füllen. Wer genaueres über die Umsiedlungsaktion, genannt "Heim ins Reich", erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch  Die "Rückführung" der Volksdeutschen von Heinz Fieß.

Auch wird darauf im Teil 2 meines Videos genauer eingegangen.

Mein Vater erinnert sich daran, dass am Tag der Umsiedlung, den 2. Oktober 1940, im fast menschenleeren Dorf die Hunde heulten, da man sie zurücklassen musste. Er hatte selber zwei Schäferhunde besessen und weinte, als er sie verließ. Er war Fünfzehn, so jung, aber doch schon alt genug, um das Weggehen von daheim voll zu erfassen. Doch er sagte, dass die Menschen eine grosse Hoffnung besessen haben. Die Zeit daheim war zu schwer gewesen. Bei ihm selber war bestimmt auch viel Neugier dabei.

Die Gepäckmitnahme war begrenzt. Geld war begrenzt, Schmuck und Wertsachen, Kunstgegenstände und vieles andere mussten zurückgelassen werden. Haus, Hof, Tiere, Mobiliar, Erinnerungsstücke, Kleidung, alles haben sie verloren. Es gab nur noch sie selbst, um den Hals das Schild mit Kennziffern, woher sie kamen, sowie das, was in die Koffer und Kisten passte... ihre Hoffung und viele Versprechen.

Umsiedlungskommissionen (russisch-deutsch) schätzten den Wert des zurückgelassenén Eigentums. Dieses (geschätzte und oft umstrittene) Vermögen wurde auf die Konten der DUT (Deutsche Umsiedlungs-Treuhandgesellschaft) transferiert. Auch lieferten die Russen Öl und Getreide als Ausgleich nach Deutschland.  Den Siedlern wurde versprochen, dass sie entsprechende Höfe und Grundbesitz "in Deutschland" erhalten sollten.

Abschlussbericht über die Tätigkeit der Taxatoren Ki6

Zunächst ging es am zeitigen Morgen mit dem Treckwagen nach Belzy (Balti), von dort mit dem Zug nach Reni und mit einem der zahlreichen Donauschiffe weiter ins Zwischenlager Semlin bei Belgrad.  Nach kurzem Aufenthalt (bei anderen dauerte es auch mal länger) fuhren sie mit dem Zug bis nach Villach und von dort weiter nach Wieselburg an der Erlauf.

Auszüge aus verschiedenen Dokumenten:

"According to established standard of Transport Regulation #6, every Resettler has the right to hand over 50 kg of luggage [Art. 6b] per ticket. If the transport happens to be presented with a group ticket, the luggage will be reckoned according to the number of persons and the established weight of Article 6b of the Tariff Regulation. Every Resettler is allowed to a personal carry-on handbag of not more than 35 kg per adult and 15 kg per child. "

"In order to avoid that little children and such up to 10 years old keep from getting lost, I request that all parents be induced to sew into the clothing of the children up to 10 years old the resettlement number. Even if not every piece is marked, nevertheless mark as many pieces as possible so that, if it happens that a child actually gets missing, one will know where to accommodate it."

Port Reni

#       Dist. ID       Departure Point    Overnight Point             Distance       Days            Participants15%          #/ Treks

19. Ki     6 N. Strimba Burgeli  42 km 1 315 2
Tuzora 43 km 1    
Kischinev 40 km 1    
Jekaterinovka  59 km 1    
Leipzig 32 km 1    
Wittenberg 30 km 1    
Kubej 44 km 1    
Reni 10 km 1    
300 km 8

No trekking group could be organized in sub-district Ki 6. Most of the people in the rural settlements owned neither horses nor wagons. The farmers of Glueckstal were the exception. Due to the poor roads and the great distance from there to the destination, no trekking group was formed. 3159 people were evacuated in this trek. In addition, 2829 horses and 1450 wagons."

"The first train evacua"tion was from sub-district Ki 9. Then followed Ki 6, the second transport from Ki 9, Ki 7, Ki 1, Ki 8, Ki 3, the second transport from Ki 1, Ki 6, and the third transport from Ki 7. For the last transport from Ki 7, trucks were considered. Due to continuous rains, this transport could only depart with a day's delay on 18 October."

.....transport plan was established for the evacuation of Resettlers by train:

Loading    Station         Regional Zone    People Count     Arrival at Reni

02 Oct       Balti             Ki 6                      1,000                   04 Oct 8:28 AM

Genau dies war der Zug, in dem meine Vorfahren und Vater saßen. Er kann sich noch an das Datum erinnern. Die Ankunft in Wieselburg/Österreich war am 10.10.1940.

"The Resettlers are informed that blankets, head pillows, wash basin, eating bowl, cup, cutlery, and the like, should be packed in a small bundle which will also be easily accessible to the Resettler on board the ship. It is not possible to search for such items from the large baggage stowed on the fore-deck of the ship."

"The result of a discussion with Donau [Danube] Steamship was that three groups of ships, with a capacity of 400-1000, would be used. Moreover, the 6 largest steamships [each 1000 persons] will sail only as far as Prahova, Yugoslavia."

Quelle der Auszüge: Published by the Odessa Digital Library - 24 Feb 2002

Kurz vor Villach ereignete sich ein Zusammenstoß mit einer stehenden Lok, bei dem es zahlreiche Verletzte gab. Es war ein Sabotageakt gewesen.

In diesem Zug war die Reise bequemer als beim Transport durch Bessarabien, es gab Personenabteile, Wasser zum Waschen, immer Verpflegung und medizinische Betreuung.  Wenn der ernste Hintergrund nicht gewesen wäre, könnte man vor dieser logistischen Leistung den Hut ziehen, meinte er.

Bericht eines ehemaligen Mitglieds der Umsiedlungskommission

 

Die Wirklichkeit sah anders aus, als sie es gehofft hatten. Vollkommen entkräftet hatten sie wochenlange Quarantäne über sich ergehen lassen und die "Einbürgerung nach rassischer Eingruppierung" zu überstehen . Behinderte wurden als "rassich untauglich" in Heilanstalten gebracht  und dort der Tötung zugeführt.

Die Unterbringung erfolgte in großen Sälen zu mehr als hundert Personen in einem Raum, die Familien abgegrenzt gerade mal durch Vorhänge, wie der Vater erzählte. Keine Privatsphäre und obendrein diese Unsicherheit, wann sie das Lager verlassen dürfen und wo sie angesiedelt werden.

Kasernenartige Tagesabläufe und Untätigkeit belastete zusätzlich, sie waren Arbeit und Bewegung in der Natur gewöhnt. Mein Vater hatte der HJ beizutreten und sein so genanntes "Pflichtjahr" zu absolvieren. Er bekam Uniformen verpasst, auch schwarze der SS, ohne Rangabzeichen, denn die gesamte Umsiedlungsaktion unterstand Heinrich Himmler.

Später bekamen die Umsiedler die Möglichkeit zu arbeiten, und so dem tristen Lagerleben zu entfliehen. Viele starben in diesen Lagern, auch meine Urgroßmutter.

Das Lager Wieselburg war ein großes Kriegsgefangenenlager im 1. Weltkrieg gewesen.

Auf den EWZ-Karteikarten ist zu erkennen, in welche "rassische Merkmale" bei ihnen vorlagen und in welche Verwendungsgruppe man sie einsortierte. Es gab so genannte A-, O- und S-Fälle. Der A-Fall kam zur "Umerziehung ins Altreich". oder wurde wieder nach Rumänien zurückgeschickt, welches aber im Juni 1940 von den Russen besetzt worden war. Auch dies ein wichtiger Grund, weshalb sie sich zur Umsiedlung entschlossen hatten, denn was Stalins Diktatur für sie bedeutete, wussten sie nur zu gut.

Vater hat auch von einem kleinen "Streik" im Lager erzählt, da sie endlich angesiedelt werden wollten. Sie hatten mit dem Sprung aus dem Fenster gedroht.

Ein anderer Zeitzeuge berichtete, dass schon eine Beschwerde über das schlechte und geringe Essen zu Regressionen der Nazis gegen die Umsiedler geführt hatte.  Es entstanden durchaus lebensbedrohliche Situationen. Von den Umsiedlern wurde Dankbarkeit erwartet und Jammern oder Klagen wurde von der SS nicht geduldet.

Auf Anordnung HImmlers vom    wurde von jeder Person, auch den Kindern, die Blutgruppe bestimmt, registriert und unter den Arm eintätowiert . Dies führte nach Kriegsende zu fürchterlichen Verdächtigungen bei den männlichen Umsiedlern.

Die Bilder zeigen Treckwagen der Umsiedlung und u.a. meine Familie im Lager Wieselburg.

 

www.priv.fotobild-thueringen.de