Die wichtigsten Personen der Familie Buron

Mein Vater und seine Kindheitserinnerungen

Mein Vater, Alfred Buron, ist am 12. November 2012 von uns gegangen. Ich konnte ihn durch seine beiden letzten schweren Lebenswochen, mit schmerzvoller Krankheit im Krankenhaus, bis zu seinem Tod begleiten. Es war auch für mich eine schwere Zeit, diesen so zähen Kämpfer leidend sterben zu sehen. Nur in seinen letzten Stunden durfte er friedlich hinüberschlafen.

Dieses Foto enstand acht Tage vor seiner Krankheit. Wir hatten noch einmal einen gemeinsamen Tag verbracht, Metebach, seinen Schwager und einen guten Bekannten von ihm besucht, uns viele Plätze auch aus meiner Kindheit angeschaut und im eigenen Wald zum ersten Mal die herrlichen Bäume bestaunt. Gerade jetzt und mit dieser neuen Nähe der letzten Zeit, hinterlässt er eine große Lücke.

Er und meine Mutter wären im Dezember 2012 64 Jahre verheiratet gewesen.

Mit ihm ist nicht nur mein Vater, sondern auch der letzte Zeitzeuge der Geschichte meiner Familie gegangen. Ich bin froh, all seine Berichte aufgeschrieben und teilweise sogar auf Film festgehalten zu haben. Wie wertvoll sie sind, habe ich nun noch einmal und erst recht begriffen, denn bald wird keiner mehr von dieser Zeit aus eigener Erfahrung erzählen können.

Er sprach viel von Bessarabien, und viel von seiner Mutter und seinem Großvater Wilhelm. Letzterer hat ihm anscheinend die Kindheit gerettet. Alles was er lernte, lernte er von ihm. An den Vater hatte er nur schlimmste Erinnerungen. Geboren wurde er 1925 in Neu Strymba, als zweites Kind, doch sind seine beiden Brüder (einer vor ihm, einer nach ihm zur Welt gekommen) bereits als Säuglinge gestorben. Bei seinem nachfolgenden Bruder wusste er noch, dass dieser regelrecht verhungerte. Sein Vater habe sich nicht vorbeugend um eine Amme bemüht, wie es in anderen Familien durchaus der Fall gewesen sei. Doch war das bei den viel jüngeren Schwestern eigenartigerweise nicht notwendig gewesen. Es schien im stets, als habe der Vater keine Söhne gewollt. Bei der schlechten Behandlung, bis zum letzten Tag, sind diese Gedanken meines Vaters nicht verwunderlich.

Zur Schule konnte er nur gehen, so lange keine Feldarbeit anstand. Schuhe gab es auch nur in der kalten Jahreszeit. Schon mit Fünf stand er neben der Mutter auf dem Feld. Er erinnerte sich daran, dass er eine Reihe Rüben (Kartoffeln?) zu hacken hatte, aber ihr nicht folgen konnte, seine Mutter half ihm natürlich. Da ritt sein Vater auf dem Pferd heran und schlug von oben mit der Peitsche auf ihn  herab.

Eine weitere Geschichte: Selbst am Sonntag musste er als Kind hart arbeiten. Nie hatte er Ruhe, und sogar die Nachbarn und Verwandten hätten ihn deshalb bedauert. Einmal war er wieder mit dem Pferdefuhrwerk unterwegs, gerade mal Sieben war er alt. Zwei Pferde und ein großer Wagen, Gewitter, unheimlicher Regen... da rutschte eines der beiden Pferde unter die Deichsel. Er bekam es nicht mehr auf die Beine. Blitze überall, Regen, Donner... und er rannte zum nächsten Haus im Dorf. Der Bauer half, holte danach den Vater, um ihm einen "Einlauf" zu machen, weil er den kleinen Kerl allein losgeschickt hatte.  Er saß noch als alter Mann bei jedem Gewitter am Küchentisch, selbst nachts...

Ein anderes Mal hatte sein Vater Jakob erneut die Mutter geschlagen. Mein Vater war etwa fünf Jahre alt. Es war mitten im Winter. Seine Mutter wusste sich nicht mehr zu retten und rannte hinaus, der kleine Kerl hinterher. Er sagte, er habe kaum über den Schnee kriechen können, so hoch hätte dieser gelegen. Er ist dann zu seiner Mutter in den Schafstall gekrochen. Beide trugen nur ihre Schlafhemden. Zusammengekauert in der Ecke des Stalles schliefen sie dort bis zum Morgen, gewärmt von den Schafen, die sich alle an sie herangedrückt hätten. Tiere sind demnach doch die besseren Menschen...

Eine eigenartige Krankheit gab es in Bessarabien. Ein regelmäßig wiederkehrendes Fieber, wahrscheinlich eine Art Malaria. Bei meiner Oma trat diese Krankheit während der ersten Jahre in Deutschland noch gelegentlich auf. Von eiskalten Wintern und heissen Sommern hat mir mein Vater erzählt. Von herrlich süßen "Harbusen" (Wassermelonen), und dass er in der Küche schlafen durfte. Darin stand der Herd. Geheizt wurde mit getrocknetem Dung und den Spindeln der Maiskolben, Wald und damit Brennholz gab es dort nicht.

Er mochte die Weite des Landes, aber genau wie meine Großmutter hat er sich nie zurückgesehnt. Es war ihnen dort zu schlecht ergangen. Aber gesprochen hat er sehr oft von seiner früheren Heimat, vor allem in seinen letzten Jahren erinnerte er sich gern.

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