Neu - Strymba

 

Ortsplan von Neu-Strymba

Die Fotos wurden von Olaf Hollinger auf seiner letzten Reise im Juli 2013 gemacht und mir für diese Webseite freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

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Es gab nur sehr wenige deutsche Siedlungen im Norden Bessarabiens: Glückstal, Ryschkanowka, Scholtoi (Neu- und Alt-Scholtoi), Neu-Strymba und bis etwa 1935 Naslawtscha. Heute heißt Neu-Strymba Grinauti (Grinautzi).

Neu-Strymba wurde 1860 gegründet und hatte 479 Einwohner. 

Google map Neu Strymba   

Baumloses flachhügeliges Land mit fruchtbarer, dunkler Erde - das war Bessarabien.  Hitze im Sommer, Kälte und viel Schnee im Winter, Stürme und Hagel bei den meist schweren Gewittern. Melonen (Harbusen), Mais, Sonnenblumen, Tabak, Getreide, Kartoffeln, Aprikosen, Auberginen u.m. - alles gedieh gut auf dieser Erde. So spannten Urgroßvater Wilhelm und sein Enkel oft den Wagen an, beladen mit den Früchten, und fuhren gemeinsam durch die Dörfer und auf die Märkte, um sie zu verkaufen.  Meinem Vater oblag die Aufgabe, in Rumänisch, Russisch und Deutsch  die Waren auszurufen. Er konnte diese Sprachen auch später noch perfekt.

Die Familien waren kinderreich, so sie denn die ersten Jahre überlebten. In keiner Familie fehlten die toten Kleinen, die Säuglingssterblichkeit war enorm hoch.  Keine Seltenheit, dass manchmal von den zehn zur Welt gebrachten Kindern nur die Hälfte überlebte. Nottaufen waren daher die Regel.

Die medizinische Versorgung war mehr als schlecht und alle mussten hart arbeiten. Die einzige Ruhezeit war im Winter. Dann nahm Urgroßvater Z.B. Beutelchen mit Walnüssen und ging zum Nachbarn Kartenspielen. Nüsse knackend, schwatzend und Wein trinkend genossen sie diese stillere Zeit.

  

Die Schule von Neu-Strymba, wie sie Vater erlebte:

"In Deutsch unterrichtet wurde nur vormittags. Nachmittags war dann die rumänische Schule im Klassenzimmer. Wir hatten fast nur Schulunterricht in Rumänisch. Es gab zwei Reihen mit Bänken im Raum. Auf einer Bank saßen sechs Kinder. So eine Bank nannte man „Nest“. Zu Beginn musste immer einer vom Nest neben der Bank stehen und Meldung machen. Begrüßt wurde mit erhobenem ausgestreckten Arm, gleich dem Hitlergruß. Im Sommer gab es eine lange Pause, damit die Kinder auf den Feldern helfen konnten."

Der Lehrer hielt gleichzeitig auch Gottesdienste ab, denn der Pfarrer kam nur zweimal im Jahr.

Die Hauptbeschäftigung der Kinder, auch an den Sonntagen, war Schafe und Pferde hüten.

"Wir haben draußen gesessen und auf die Schafe aufgepasst. Die Wolle der Karakulschafe war sehr wertvoll. Sobald ein Lamm geboren wurde, mussten wir es ganz schnell nach Hause bringen. Das war furchtbar. Wir wussten ja, was mit den kleinen Lämmern geschieht. Wenn eins vorher gestorben ist oder wir das nicht sahen, war daheim die Hölle los. Wir bekamen etwas zu trinken und ein Stück Brot, nur manchmal etwas Speck mit hinaus, so blieben wir den ganzen Tag draußen."

Nur auf den Gutshöfen gab es noch zusätzliche Verdienstmöglichkeit. Die Armut war so groß, dass  dieser Verdienst ein Segen gewesen ist. Die Leute aus dem Dorf fanden sich am Morgen ein und der Verwalter (Waldemar Buron, der Cousin meines Vaters) verteilte, nannte die Namen der Glücklichen dieses Tages. Wenn die anderen enttäuscht und traurig wieder zurück nach Hause gingen, liefen sie in einer breiten Kette über die Wiesen zurück ins Dorf. Dabei sangen sie Lieder - traurige Lieder mit wunderschönen Melodien. Diese Lieder habe ich so geliebt. Es klang wunderschön. Ich  habe sie noch heute im Ohr."

Mein Vater schlief in der Küche. Dort befand sich auch der große Ofen des Hauses. Dahinter, mit einem Vorhang abgetrennt, lag der Schlafraum der Eltern. Es gab auch eine kleine Wohnstube. Dies war der einzige Raum des Hauses mit Holzfußboden. Ansonsten besaßen die Zimmer lediglich festgestampften Lehmfußboden, auf den als obere Schicht häufig feiner, hellgelber Sand aufgesiebt wurde. Er meinte, darin habe er dann immer schön spielen können... Der Ofen wurde vorwiegend mit getrocknetem Dung oder trockenen Maisspindeln geheizt.

Der Dung wurde auf dem Hof ausgebreitet und festgestampft, wo es ging mit Hilfe der Pferde, wenn nicht eben mit nackten Füßen.  Danach ist er in Stücke getrennt und in runden Stößen aufgeschichtet worden.

Nicht jede Familie besaß gleich ein Haus. Oft waren es die Russen oder ganz neue Siedler, die zunächst in sogenannten Erdgruben bzw. -höhlen leben mussten, bis sie sich eine richtige Unterkunft bauen konnten. Von 'leben' kann man da nicht sprechen.  Es gab also immer wieder Familien, die eine zeitlang so existierten.

Im Winter herrschte ein ungeschriebenes Gesetz. Wer seine Erdbehausung zuerst von den Schneemassen befreit hatte, musste den anderen beim Freischaufeln helfen. Dem Urgroßvater war es demnach anfangs nicht anders ergangen. Von ihm stammte diese 'Belehrung' an den Enkel.

Meinem Vater besonders in Erinnerung ist ein wiederkehrendes Fieber.  Es war anscheinend eine Art Malaria, an der nicht wenige starben.

"Eine verfluchte Krankheit. Wir warteten richtig auf den Herbst, denn wenn es kühler wurde, war sie weg. Im Sommer brauchte man nur Milch zu trinken und in die Sonne zu gehen, schon war das Fieber da.  Heftiger Schüttelfrost, hohes Fieber und ein schrecklicher Durst... Das einzige, was dann etwas half, waren Oleanderblätter. Sie wurden in Zigarettenpapier eingerollt, damit man sie schlucken konnte, so bitter waren sie.  Nur ein paar Tage, dann war das Fieber weg, und danach hatte ich regelmäßig tagelangen Ausschlag im Gesicht, vor allem um den Mund herum."

Anm.: Oleander ist im übrigen eine Giftpflanze, die auch zum Herzstillstand führen kann. Die positive Wirkung gegen Malaria ist jedoch bekannt.

Ein Krankenhausaufenthalt konnte die Familie in den Ruin treiben. Als meine Großmutter ins Krankenhaus kam,  musste die Familie eine Kuh verkaufen, um die Behandlung bezahlen zu können. Jeden Morgen hatte man die recht hohe Summe für einen weiteren Tag zu entrichten.  War das nicht möglich, musste der Patient -egal wie krank- das Hospital verlassen.

Als Todesursachen bei Kindern liest man in den Kirchenbüchern häufig Masern oder "Krämpfe", auch Cholera oder Malaria.

Mehr über das Leben in Neu-Strymba: siehe Teil 1 des Videos "Die vergessenen Dörfer"

Die Bilder zeigen die Kirche und das Schulhaus von Neu-Strymba

 

www.priv.fotobild-thueringen.de